Minimalismus, Teil 2: Smartphone & Computer

Minimalismus, Teil 2: Smartphone & Computer

Minimalismus, Teil 2: Smartphone & Computer


Im ersten Teil dieser Beitragsreihe haben wir uns damit beschäftigt, wie man einen minimalistischeren Lebensstil in den eigenen vier Wänden verwirklichen kann. Hierbei habe ich dir vor allem Tipps für das Verschlanken deines Kleiderschranks, deines Schreibtischs oder sonstiger Möbel auf den Weg gegeben. In diesem Beitrag soll es nun um das Entrümpeln der wahrscheinlich wichtigsten persönlichen Besitztümer des 21. Jahrhunderts gehen: Smartphone und Computer.

Nie haben Menschen so viel Zeit vor digitalen Bildschirmen verbracht wie heute. Das ist an sich nicht verwerflich; im Berufsleben ist es für viele sogar unausweichlich. Und doch müssen wir uns fragen, ob eine Internetnutzung von mehr als vier Stunden pro Tag noch verhältnismäßig ist (siehe Tabelle).

Gruppe201820192020
Gesamt1 Std. 40 Min.1 Std. 39 Min.2 Std.
Frauen1 Std. 26 Min.1 Std. 35 Min.1 Std. 51 Min.
Männer1 Std. 54 Min.1 Std. 44 Min.2 Std. 8 Min.
14 – 29 Jahre3 Std. 30 Min.3 Std. 27 Min.4 Std. 17 Min.
30 – 49 Jahre1 Std. 59 Min.1 Std. 47 Min.2 Std. 18 Min.
50 – 69 Jahre52 Min.1 Std.1 Std. 8 Min.
ab 70 Jahren20 Min.29 Min.23 Min.
Mediales Internet: tägliche Nutzungsdauer [1]

Das Ungewissheitshormon

Doch wieso halten wir uns eigentlich so gerne im Internet bzw. vor Smartphone und Computer auf? Einen maßgeblichen Faktor hierfür stellt sicherlich das Belohnungssystem des Menschen dar. Bei genauerem Hinblick sind viele Dinge des Internets, sei es Online-Shopping, Social Media oder Computerspiele, darauf ausgerichtet, jenes Belohnungssystem gezielt anzusprechen. Da wäre zum Beispiel die berüchtigte Währung der hochgestreckten Daumen und Herzen, aus der viele junge Menschen ihr Selbstwertgefühl und ihre Anerkennung ziehen. In den Worten von Adam Alter, eines Professors an der New York University [2]:

Wenn jemandem ein Instagram-Post oder irgendein Inhalt, den Sie teilen, gefällt, ist das ein bisschen wie die Einnahme einer Droge […]. Der Grund dafür ist, dass es nicht garantiert ist, dass Sie Likes für Ihre Beiträge erhalten. Und es ist die Unvorhersehbarkeit dieses Prozesses, die es so süchtig macht. Wenn Sie wüssten, dass Sie jedes Mal, wenn Sie etwas posten, 100 Likes bekommen würden, würde es sehr schnell langweilig werden.

Ähnlich verhält es sich mit dem pull-to-refresh (dt. “Ziehen zum Aktualisieren”) Design vieler Apps, Schatztruhen in Computerspielen oder der Tatsache, dass man nach einer Online-Bestellung auf das Produkt warten muss. Überall befeuert die Ungewissheit die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin – wobei es viel eher als “Ungewissheitshormon” oder “Antriebshormon” betitelt werden sollte.

Minimalismus als Entzug

Wird man sich diesen Zusammenhängen bewusst, kann Minimalismus insofern für Abhilfe sorgen, als dass es diese subtilen Suchtverhalten oder schlechten Angewohnheiten aufzubrechen versucht. Gewohnheiten sind nichts anderes als Energiesparprogramme des Gehirns. Werden diese erstmal radikal aufgebrochen, so lassen sich neue Gewohnheiten gleich viel besser antrainieren.

Bevor ich mich wieder konkreten Tipps widme, möchte ich nochmal das Zitat von Leo Babauta aus seinem Buch “The Power of Less” hervorkramen, da ich es im Zusammenhang mit digitalem Minimalismus als essenziell und wegweisend erachte:

Vereinfachung soll dein Leben nicht leer machen, sondern Raum für das schaffen, was du wirklich tun möchtest. Finde zuerst heraus, was du vereinfachen willst, bevor du damit beginnst.

Dementsprechend geht es – wie schon im ersten Teil – zunächst einmal darum, sich einen Überblick zu verschaffen. Ohne klarer Übersicht, lässt sich das eigene Nutzungsverhalten nur schwer ändern. Anschließend ist Aufräumen angesagt. Idealerweise beschränkt man sich hierbei auf das Wichtigste und entledigt sich des sonstigen Ballasts. Der letzte Schritt wäre dann noch, ein System zu entwickeln, mit welchem man die Kontrolle über seine Mediennutzung zurückerlangt oder aber – falls man diese nicht verloren zu glauben meint – die Nutzung einfach ein wenig reduziert.

Computer

“Sie haben 10 neue Ablenkungen. Wollen Sie diese Ablenkungen jetzt lesen?”

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  • Räume auf. Angefangen beim Desktop, über den Download-Ordner und überflüssigen Programmen bis hin zum E-Mail-Posteingang. Dem Aufräumen sind keine Grenzen gesetzt. Organisiere jedoch nur die wirklich wichtigen Dateien und sei verschwenderisch im Umgang mit der Entf-Taste. Ein aufgeräumter Desktop und eine gut organisierte Ordner-Struktur sind in meinen Augen genauso wichtig, wie ein aufgeräumter Schreibtisch an sich. Die visuelle Beanspruchung und das Ablenkungspotential werden dramatisch sinken.
  • Blockiere ablenkende Websites. Vermutlich kennst du die folgende Situation: Du möchtest etwas recherchieren oder durchsuchst das Internet nach einer ganz bestimmten Sache; vielleicht möchtest du nur kurz etwas bestellen. Doch ehe du dich versiehst, ist eine halbe Stunde oder mehr vorüber. Der Grund sind meist ablenkende Websites, wie soziale Netzwerke, Nachrichtenseiten oder Videoportale. Browsererweiterungen wie BlockSite oder gezieltes Ändern der hosts-Datei können Abhilfe schaffen.

Smartphone

Social Media ist dein Feind

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  • Miss deine Bildschirmzeit. Während die Zeit am PC in der Regel halbwegs produktiv genutzt wird, ist vor allem das Smartphone ein wahrer Zeitfresser. Hast du den Mut, dich mit deiner Bildschirmzeit zu konfrontieren und Gewissheit über dein Nutzungsverhalten zu haben? Dann installiere dir eine der zahlreichen Apps, die sich genau diesem Ziel verschrieben haben. Die Ergebnisse sind meist verblüffend und haben auch mir schon die Augen geöffnet. Möchtest du dein Tracking auf ein neues Level bringen? Dann kann ich dir RescueTime sehr empfehlen. Zwar kostet die Anwendung monatlich etwas Geld, jedoch sind die ersten 14 Tage kostenlos und allein in diesem Zeitraum lässt sich bereits viel über das eigene Nutzungsverhalten lernen. Außerdem misst die Anwendung nicht nur deine Handyzeit, sondern lässt sich zudem mit deinem Computer verbinden, wodurch du den ultimativen Einblick erhältst.
  • Schalte unwichtige Benachrichtigungen aus. Auch hier ist der Effekt beim Smartphone wesentlich größer als beim PC. Mit einer eigenen Notification-LED sowie Vibration und Ton ist das Smartphone dafür konzipiert, den Benutzer über jede noch so unwichtige Benachrichtigung zu informieren. Entscheide, welche Benachrichtigungen für dich wichtig sind und deaktiviere alle Restlichen.
  • Entzaubere das kunterbunte Social Media. Den folgenden Tipp habe ich von Matt D’Avella, einem amerikanischen YouTuber, der sich unter anderem mit Minimalismus und Produktivität beschäftigt: Stelle dein Smartphone auf Schwarz-Weiß ein [3]. Das klingt erstmal sehr skurril, macht aber – wortwörtlich – auf den zweiten Blick sehr viel Sinn. Instagram, Snapchat & Co. bestechen nicht nur durch die bereits thematisierten “Gefällt-mir”-Schaltflächen sowie ausgeklügelte Algorithmen, sondern ebenso durch knallige Farben. Natürlich geht es nicht darum, dir die Freude an schönen bunten Bildern zu nehmen, sondern darum, dass Dinge “deutlich weniger Macht über dich haben”, wenn sie farblos sind.
  • Lösche Social Media Apps. Das ist natürlich ein sehr radikaler Tipp. Dennoch: die Tatsache, dass die App einfach nicht mehr vorhanden ist und die Überwindung bzw. Anstrengung, die es einen kostet, diese zu reinstallieren, könnte für manch einen leichter fallen als gedacht. Manchmal hilft es schon, die entsprechende App einfach in der App-Übersicht auszublenden.

Allgemeine Tipps

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  • Lege fest, welche Funktion jedes deiner Geräte haben soll. So könnte dein Smartphone zum Beispiel dazu dienen, Nachrichten zu schreiben oder – in einem gewissen Zeitrahmen – die sozialen Netzwerke zu besuchen, während dein PC ausschließlich der Arbeit und dein iPad allein dem Videokonsum dient. Dadurch schaffst du klare “Zuständigkeitsbereiche”, vermeidest Ablenkungen und steigerst die unsichtbare Hürde des Hin- und Herwechselns.
  • Schicke deine Daten in die Wolke. Egal ob Google Drive, Dropbox, Microsoft OneDrive oder andere Cloud-Lösungen: alle wichtigen Daten an einem zentralen und uneingeschränkt zugreifbaren Ort zu verwahren ist eine sehr empfehlenswerte Strategie unter Minimalisten. Damit beschützt du deine Daten nicht vor den Folgen eines Festplattenschadens, sondern sparst zudem eine Menge Papier, da du ja alle wichtigen Dokumente immer bei dir hast.

Ich hoffe ich konnte dir mit diesen Tipps & Tricks dabei helfen oder dich vielleicht auch nur dazu inspirieren, deinen PC oder dein Smartphone ein wenig minimalistischer zu gestalten. Natürlich kann diese Liste noch weitaus mehr Punkte umfassen. Falls du selbst Ideen oder Erfahrungen hast, wie man die digitale Welt weiter verschlanken kann, dann zögere nicht und schreibe ein Kommentar unter diesen Beitrag. Gerne würde mich natürlich auch deine generelle Meinung zum Thema Minimalismus interessieren.

Im nächsten Teil der Minimalismus-Reihe möchte ich mit dir über ein Thema diskutieren, dass uns alle etwas angeht: Geld.

Quellen

[1] Beisch, N. und Schäfer, C. (2020), “Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2020. Internetnutzung mit großer Dynamik: Medien, Kommunikation, Social Media”, Media Perspektiven 9/2020

[2] Yates, E. (2017), “What happens to your brain when you get a like on Instagram” [Übersetzung des Verfassers], Insider Inc.

[3] D’Avella, M. (2019), “6 Ways to Reduce Screen Time”, YouTube

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